2027: 100-Jahre Billstedt
Wem gehört die Geschichte und wer erzählt sie?
2027:
100-Jahre Billstedt
Wem gehört die Geschichte und wer erzählt sie?

Wir gestalten eine Ausstellung zu 100-Jahre Billstedt, erzählt aus vielen Perspektiven. In Bildern, Filmen, Tönen. Hast du Interesse mitzumachen? Ruf uns an: 0178 88 99 118 (Sönke Jans) oder schreibe uns per Mail: info@sonnenland-hamburg.de
Veranstaltungen & Workshops:
05.09.2026, 15-18 Uhr: Oral History — mit dem Historiker Dr. Nico Nolden
Weitere Veranstaltungen werden folgen.
Hintergrund:
Billstedt wurde 1927 aus dem Zusammenschluss der Gemeinden Schiffbek, Kirchsteinbek und Öjendorf gegründet. Damals lebten knapp 12.000 Menschen hier, heute sind es 73.000. Einwanderung war immer prägend für Billstedt. Erst 1938 erfolgt die Eingemeindung in ein Großhamburg, dann schon im Nazideutschland.
Billstedt ist Hamburgs Stadtrand und immer schon von Zuwanderung geprägt. Manche der Zugewanderten ziehen weiter, wenn es möglich ist, viele bleiben, manche kommen auch wieder zurück. Heute (2026) leben im Hamburger Vergleich in Billstedt überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationsgeschichte. Es begegnen sich hier viele Menschen unterschiedlichster kultureller, religiöser und weltanschaulicher Erfahrungen. Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft ist ebenso Minderheit wie alle anderen auch. Viele „Wir“ mit unterschiedlichen, fluiden, je nach Themen variierenden Berührungspunkten und unter-schiedlichen Vorstellungen von einer gelingenden Nachbarschaft leben in Billstedt miteinander. Das ist spannend, aber nicht immer konfliktfrei.
Eine Geschichte Billstedts muss berücksichtigen, dass die Zeit der Einen Großen Erzählung vorbei ist und nicht wieder kommt. Die Geschichte Billstedts zu erzählen, heißt die vielen verschiedenen und sich zum Teil widersprechenden Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. In diesen vielstimmigen Chor multidirektionaler Geschichten gehören die Erzählungen alteingesessener Familien, Akteurinnen und Akteure ebenso wie die mitgebrachten Erzählungen aus den Gegenden, die von vielen heutigen Billstedter:innen einst verlassen wurden und in deren Familien in kollektiver Erinnerung bleiben. Den Fluss dieser Erzählungen aufrechtzuerhalten ist eine große Herausforderung: Kontinuitäten sind abgerissen, die Erzählungen fügen sich nicht ohne weiteres in den vorgefundenen Kontext ein, Aspekte werden verdrängt und negiert. Es gibt Stadtrandgeschichte(n), Transformationsgeschichten, Ein- und Abwanderungs- sowie Verdrängungs- und Bleibensgeschichten — und verschüttete Geschichten: So war in Billstedt-Öjendorf während der Nazidiktatur ein Sammellager für Romn:ja und Sinti:ze geplant, das nicht mehr gebaut wurde. Kann Billstedt so zur Heimat oder zu Heimaten im Plural werden?
Zu den Erzählungen Billstedts gehören ebenso die Erzählungen über Billstedt. Das Kommunistenviertel in den 1930er Jahren, das Viertel der Rocker und Jugendbanden ab Mitte der 1960er Jahre, das Viertel mit dem hohen Ausländeranteil, mit den vielen Einfamilienhäusern aber auch den Großwohnsiedlungen wie Sonnenland, Kaltenbergen, Mümmelmannsberg und Siedlungen, die in den 1960er/1970er Jahren den diffamierenden Zusatz wie Mau-Mau, Sing-Sing oder Tal der Gesetzlosen erhielten.
Historische Phasen
vor 1927: Dörfer Ojendorf, Kirchsteinbek, Schiffbek — ab den 1880er Jahren Industriansiedlungen (Jutefabriken) in Schiffbek und Zuwanderung
1927: Vereinigung zu Billstedt aufgrund eines Beschlusses der Gemeinderäte von Kirchsteinbek, Schiffbek und Öjendorf
1920er bis 1933: Weimarer Republik und Wirtschaftskrise
1933-1945: NS-Herrschaft und Weltkrieg, Verfolgung und Zwangsarbeit in Billstedt
1950er: Wiederaufbau und Industriestandort, Zuwanderung
1960er-1970er Zuwanderung damals so genannter Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen; diverse Gesellschaft. Bau von Großwohnsiedlungen, u.a. Archenholzstraße, Dringsheide, Kaltenbergen, Mümmelmannsberg, Sonnenland
ab 1970er Jahre: Empowerment der Nachbarschaften, u.a. Entwicklung der Gemeinwesenarbeit (der Verein VSJ, der später in Stadtteilprojekt Sonnenland umbenannt wurde, gilt als eine der ersten Einrichtungen in der Bundesrepublik, die gemeinwesenorientiert arbeitete)
1980er Protest und Vergangenheitsbewältigung (u.a. Geschichtsgruppe Sonnenland, Besetzung der Billstedter Polizeiwache 1982 durch Akteur:innen des späteren Kulturpalastes)
1990er BRD: Vereinigungsprozesse und Wanderungen
1990er und Anfang 2000er in Billstedt: immer wieder stigmatisierende Berichterstattung in regionaler und überregionaler Presse, Kriminalitätsthematiken, u.a. „Soko Sonnenland“
Aktuell: heutige Menschen, ihre Biografien, div. Stadtentwicklungsthematiken, unterstützt u.a. durch Modellvorhaben Mitte-machen (Bezirksamt Hamburg-Mitte) sowie RISE (Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung Hamburg)
Quelle, Einwohnerzahl 1927:
http://www.geschichtswerkstatt-billstedt.de/pages/ueberblick.php (Zugriff: 03.11.2026)
